Und in Linz.....???? |
Tampere
Im April 2000 besuchte ich wieder einmal das Opernland Nummer eins, wobei mich die Reise unter anderem in eine der großartigsten Aufführungsstätten führte, die ich je gesehen habe. Die Rede ist nicht von Italien und nicht von der Mailänder Scala. Die Milanesi mögen mir verzeihen. Die Tour ging in eine ganz andere geographische Richtung. Mein Hauptreiseziel war Tampere, die zweitgrößte Stadt Finnlands.
Von RUDOLF WALLNER
Tampere,
übrigens Partnerstadt von Linz, ist ein bedeutendes
Industrie-Zen-trum und mit ca. 185.000 Einwohnern eine Spur kleiner als
die oberösterreichische Landeshauptstadt. Eine etwas herb wirkende Stadt, nicht
un-bedingt schön, aber mit einigen
hochinteressanten Sehenswürdigkeiten, die zum Teil erst entdeckt werden
wollen. Dazu ge-hört neben den Tammer-koski-Stromschnellen,
dem
173 Meter hohen Näsinneula-Aussichtsturm und
zahlreichen sehr ansprechenden Skulpturen und Brunnenanlagen in erster
Linie das am 29.
September 1990 vom damaligen finnischen Präsidenten Mauno Koivisto
feierlich eröffnete Tampere-Haus.
Der
Bau ist für Kongresse und Ausstellungen ebenso
perfekt ausgestattet wie für Oper, Ballett und Konzerte aller Art und
spielt - für Finnland eine Selbstverständlichkeit! - technisch
alle Stücke. Spätestens seit Eliel Saarinen, Alvar Aalto und Heikki Sirén
ist ja die moderne finnische Architektur weltweit ein Begriff.
Was
die Architekten Sakari Aartelo und Esa Piironen hingestellt haben, ist wahrlich
ganz große Klasse. Die Formen sind klar und ebenmäßig, eine Vereinigung aller
architektonischen Grundelemente: Rechteck, Quadrat, Kreis, Halbkreis, Trapez ...
Auch die Baumaterialien
fügen sich zu einem harmonischen Ganzen: weiße Keramikplatten, grauer
Granit - und viel Glas, das, wie man erfährt, elektrisch beheizt ist.
Schon auf dem Weg zum Eingang beginnt eine blaue Linie im Boden, die sich durch den ganzen Foyerbereich fortsetzt, vorbei an Kasse, Garderoben und Büffet, zum Teil sogar Säulen miteinbeziehend, bis hin zur rückwärtigen Wand. Diese insgesamt 200 Meter lange blaue Gerade (sininen suora) ist eine Idee von Kimmo Kaivanto und hat eigentlich gar keine Funktion. Es ist einfach nur Kunst. Kunst, die aber hervorragend in diesen modernen Rahmen passt. Der erste Eindruck nach Betreten des Foyers ist: da hat man wahrlich großzügig gebaut. Es gibt Platz in Hülle und Fülle. Ein gläserner Aufzug und Rolltreppen führen zum Rang hinauf. Überall in der Halle sind große Topfpflanzen und durch die Riesenglasfront sieht man Bäume, die Wiese, einen kleinen Teich. Und so hat man selbst im Gebäude stets das Gefühl, mitten in der Natur zu sein. Das ist eben finnische Architektur! Die Garderobe erstreckt sich fast über die ganze Länge des Komplexes. Da gibt es zwar einen höheren Personalaufwand, aber selbst nach einer ausverkauften Veranstaltung hinterher kein Gedränge. Wenn ich da an das Linzer Theater denke!
Die feierliche, lichtdurchflutete Helle des Foyers erinnerte mich sogleich an mein absolutes Lieblingshaus unter den modernen Musiktheaterbauten, das ja ebenfalls in Finnland steht: die 1993 eröffnete Suomen Kansallisooppera in Helsinki. Doch anders als in der neuen Finnischen Nationaloper findet in Tampere die Helle des Vorraums auch im Zuschauerraum ihre Fortsetzung. Wände wie Decke sind mit finnischer Birke ausgekleidet. Das gibt dem Raum eine ausgesprochen freundliche Note. Und dann staunt man nicht schlecht: Auch im Saal drinnen stehen große Pflanzentöpfe. Wie war das doch gleich mit der Photosynthese? Funktioniert das auch bei Kunstlicht? In der Pause fand ich meinen Verdacht bestätigt: Im Zuschauerraum sind es künstliche Pflanzen. Immerhin wirken diese aber recht dekorativ.
Die
Gestaltung hat kaum ihresgleichen. Das kontinuierlich ansteigende Parkett und
darüber ein fast 600 Personen fassender Rang, zu beiden Seiten elegant
vorgezogen, das ergibt eine insgesamte Kapazität von 1806 Plätzen. Dabei hat
man da viel Platz „verschenkt“. Die Sitze sind fix, das heißt, nicht
hochklappbar. Der Abstand ist so bemessen, dass jeder mühelos an einem in der
Reihe Sitzenden vorbeigehen kann. Und während der Aufführung kann man sich
richtig bequem in den Sitz hineinlümmeln. Vielleicht hat der Architekt, der für
dieses Detail zuständig war, selbst lange Beine (bei finnischen Männern ja
nicht selten) und kennt daher die Problematik aus eigener Erfahrung ...? Ich
kann es ihm jedenfalls nachfühlen und denke, dass ihm die Tampereen musiikki
ystävät - die Musikfreunde von Tampere - dankbar sein werden.
Geradezu überwältigend ist die Decke des Innenraums gestaltet. Unzählige Dreiecke schaffen die Illusion eines modernen gotischen Doms! Außerdem tragen diese Elemente zur herrlichen Akustik des Hauses bei. Ich habe selten in einem modernen Konzert- oder Opernhaus einen derart warmen, satten und dabei doch transparenten Klang gehört. Der Akustiker Alpo Halme hat beste Arbeit geleistet. Der Orchestergraben ist in der Größe und Höhe verstellbar. Hier könnte man auch etwa Wagners „Ring“ oder Strauss’ „Elektra“ in Originalbesetzung spielen.
Ich
sah in Tampere eine Aufführung von Verdis Simon
Boccanegra, und nachdem das eine Oper ist, die ich ganz besonders schätze,
waren meine Erwartungen doch recht hoch. Ja, und da komme ich jetzt nicht ganz
umhin, einen meiner Grundsätze ein bisschen zu übertreten. Ich wollte
eigentlich nie ein Kritiker sein. Nachdem aber die Aufführung in Tampere so großartig
war, will ich hier doch eine kurze Bewertung wagen. Es war eine der besten,
geschlossensten und musikalisch hochwertigsten Aufführungen dieses Werkes, die
ich in den letzten zwanzig Jahren gesehen habe. Dazu kommt noch der Umstand,
dass außer dem Dirigenten kein einziger Nichtfinne an der Produktion beteiligt
war, die mit Sängern wie Jorma Hynninen, Soile Isokoski und Jaakko Ryhäanen
richtiges Weltniveau hatte. Das wäre bei uns in keinem einzigen Theater, die
Wiener Staatsoper nicht ausgenommen, auch nur annähernd denkbar. Wie sagte ich
eingangs? „Das Opernland Nummer eins!“ Freilich muss man da objektiverweise
dagegenhalten, dass das Spielsystem hier ganz anders ist. Es gibt nur zwei Opern
jährlich, und diese werden bis zu fünfmal gezeigt. Sicher, das ist nicht allzu
viel. Andererseits lässt sich auf diese Weise
so manche Schlamperei und der tödliche graue Alltag, das stets drohende
Mittelmaß des Ensemble-Repertoire-betriebs ganz gezielt vermeiden.
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Last modified 13.06.2009