Und in Linz.....????   wizard.gif (4837 Byte)

Opéra Bastille

"Riens ne se peut comparer à Paris." Nichts ist mit Paris zu vergleichen! Ein wahres WortX das der Gourmet ebenso bestätigt finden wird wie der Nachtschwärmer, der Kunstliebhaber - oder der Opernfreund. Die Weltstadt an der Seine ist auch für den Freund der schönsten aller Künste immer wieder eine Reise wert.

Von RUDOLF WALLNER

mt_wallner.jpg (12615 Byte)An manchen Tagen hat man buchstäblich die vielzitierte "Qual der Wahl" und es wird in fünf verschiedenen Theatern Oper gespielt. Das gibt es wohl in keiner anderen Metropole auf der Welt! Jedes der fünf Häuser hat seine besondere Atmosphäre, seine Traditionen und natürlich auch sein spezielles Publikum.

Da ist das riesige, aber schon etwas verschmuddelt wirkende Châtelet, in dem es fast das ganze Jahr über Gastspiele auswärtiger Produktionen gibt, dann das kreisrunde Théâtre des Champs-Élysées mit seinen konzertanten Aufführungen selten gespielter Kostbarkeiten und schließlich die drei regelmäßig bespielten Opernhäuser mit ihren eigenen Inszenierungen: Salle Favart, Salle Garnier und Opéra Bastille.

Seit einigen Jahren ist die hochmoderne, pompöse Bastille-Oper sozusagen das Flaggschiff der Pariser Musiktheater. Der gewaltige Komplex steht an historischer Stelle: Hier fand am 14. Juli 1789 der berühmte Sturm auf die Bastille statt, mit dem die Französische Revolution begann. Und genau zum zweihundertsten Jahrestag dieses geschichtlichen Ereignisses fand die Eröffnung des neuen Riesenopernhauses statt - mit einem historischen Drama eines französischen Komponisten: den TROJANERN von Hector Berlioz.

bastille2.jpg (31929 Byte)

Der Bau ist bis heute nicht unumstritten und böse Zungen behaupten sogar, daß sich da wohl in erster Linie ein geltungssüchtiger Präsident ein Denkmal setzen wollte, obwohl doch eigentlich gar kein Bedarf für ein weiteres Opernhaus bestand. Nun mag es durchaus sein, daß die Sache mit dem Präsidentendenkmal nicht ganz aus der Luft gegriffen ist, die Behauptung bezüglich des fehlenden Bedarfs aber ist völlig falsch, denn das Haus ist auch nach nunmehr neun Jahren Betrieb und trotz der enormen Kapazität von 2.700 Plätzen so gut wie immer ausverkauft. Auf jeden Fall ist das Pariser Kulturleben mit diesem gewaltigen Bau um eine Attraktion reicher geworden. Vergessen sind mittlerweile die Querelen rund um die künstlerische Leitung. Daß etwa Daniel Barenboim noch vor Antritt seiner Arbeit des Postens enthoben wurde, der große Pierre Boulez aus dem Organisationsverband des neuen Opernhauses austrat usw., all das hat zunächst viel Staub aufgewirbelt, wird heute aber großzügig mit den üblichen "Anlaufschwierigkeiten" erklärt. Mittlerweile ist das Ding fast zehn Jahre in Betrieb und es läuft wie am Schnürchen, sogar effizienter und kostengünstiger als die alte Garnier-Oper! Daß der Komplex nach wie vor so manchem nicht gefällt, ist klar. Die Geschmäcker gehen ja auch, was Architektur betrifft, auseinander. Während die Gegner Spottbezeichnungen kreiert haben ("Konservenbüchse", Rhinozeros in der Sitzbadewanne"), preisen Progressive die Vorzüge des neuen Opernhauses in den höchsten Tönen.

bastille1.jpg (23185 Byte)Es war ein Außenseiter (noch dazu ein Ausländer!), der den im Jahr 1982 veranstalteten Architektenwettbewerb gewonnen hat: der Südamerikaner Carlos Ott. Sein Konzept, siegreich gegen insgesamt 755 Mitbewerber, ist geprägt von nüchterner Großzügigkeit. Platz spielte keine Rolle, Geld offenbar auch nicht. Um insgesamt sieben Milliarden Schilling ist ein Bau entstanden, der, wie man so schön sagt, alle Stückeln spielt und außen wie innen wirklich eindrucksvoll ist. Die stimmungsvolle Unregelmäßigkeit der halbrunden Außenfassade (Leichtmetall und Glas) wirkt ebenso pompös wie das Foyer. BreiteTreppen führen zu den Rängen, der Blick auf die pulsierende Place de la Bastille ist um so prächtiger, je höher man hinaufkommt. Eine kleine Dachterrasse ist seit ein paar Jahren gesperrt. Schade, denn der Blick auf den belebten Platz und den Port de Plaisance ist unvergleichlich! Schon vor sieben Jahren, als ich zum ersten Mal eine Aufführung in diesem Haus besuchte, war ich etwas verwundert darüber, daß man die Bodenfliesen dieser Terrasse nicht befestigt hatte. Mittlerweile liegt da alles drunter und drüber. Wieviele Besucher haben sich wohl dort oben inzwischen den Knöchel verstaucht oder gar gebrochen? Absperren ist eine Möglichkeit, doch die Sache baulich ordentlich zu vollenden, wäre ja wohl auch kein allzu großer Aufwand gewesen.

In Foyer schnappte ich bei meinem letzten Besuch im Februar 1998 die Bemerkung eines Erstbesuchers auf: "Das ist alles sehr großzügig und funktionell, aber nüchtern wie eine Flughafenhalle!" Der Mann hatte nicht unrecht. Ein ganz ähnliches Gefühl hat man im Zuschauerraum. Das amphitheatralisch ansteigende Riesenparkett, die zwei schräg herunterhängenden Ränge, das schmucklose dunkelgraue Bühnenportal, die wellenförmige Glasdecke mit ihrer nüchternen Neonfläche: All das vermittelt so gar nicht die übliche warme Atmosphäre eines Theaterraumes. Freilich ist der Sitzabstand großzügigst bemessen, die Sicht fast von überall ausgezeichnet, der Klang außerordentlich transparent. Dennoch liegt eine gewisse Kühle über dem ganzen, ein Eindruck, der durch die ausgesprochene Blasiertheit des Publikums noch verstärkt wird. Hinzu kommen dann noch die mit ihren Handys herumschwirrenden Saalordner, Bodygards für Prominente, wie etwa die persische Exkaiserin Farah, die bei einer TOSCA Aufführung in der selben Reihe saß wie ich. Da will die typische Theaterstimmung nicht so recht aufkommen.

Als ich am Tag darauf die ehrwürdige alte Pariser Oper, den Prachtbau von Charles Garnier, besuchte, dachte ich, obwohl ich ja beide Häuser schon von früher kannte, beim Betreten des immer wieder schönen Innenraums spontan: "Das ist doch etwas anderes!" Freilich gibt es in der alten Grand Opéra recht viele Plätze mit Sichtbehinderung, eine katastrophale Akustik in den Logen und vor allem darf man den Zuschauerraum des berühmten, traditionsreichen Baues mittlerweile auch nicht mehr mit der Lupe betrachten. Aber Stimmung und Atmosphäre machen viel von dem wett, was der Zahn der Zeit bereits heftig benagt hat.

Wie sagt es das Sprichwort so schön? "Jedes Ding hat zwei Seiten." Natürlich hat das althergebrachte Hufeisentheater seine Positivseiten, ebenso wie auch die moderne Theaterarchitektur. Und bis zu einem gewissen Grad ist es heute ja auch möglich, Vorteile ganz gezielt auszunützen und Nachteile weitgehend zu vermeiden. Eine große Chance bei Theaterneubauten.

Man darf darauf gespannt sein, ob und wie man in Linz diese Chance nutzen wird.

line_blau.jpg (644 Byte)
Last modified 13.06.2009