IN MEMORIAM

Gertrud Burgsthaler
22. Februar 1916 Wien bis 28. Oktober 2004 Wien

"In ihrem dramatischen Ausdruck herausragend, in den 50/60er-Jahren am Landestheater gefeiert: Die bekannte Linzer Altistin Gertrud Burgsthaler ist im Alter von 88 Jahren in Wien gestorben. Burgsthaler begeisterte auch durch immense Wandlungsfähigkeit bei Charakteren von Verdi bis Wagner und unterrichtete später am einstigen Bruckner Konservatorium. Mit ihrem Tod verliert Linz eine seiner prägenden Opern Grandes Dames." (OÖNachrichten vom 3. November 2004)


GERTRUD BURGSTHALER 
als Glucks Orpheus (1955)

Biographie

1916: 22. Februar in Wien geboren.
1935 bis 1938: Studium an der Staatsakademie für Musik in Wien.
1938: Heirat mit Oberstleutnant Hugo Burgsthaler (gefallen 1944 in der Normandie), Söhne Peter und Heinz.
1945 bis 1950: Engagement an der Wiener Staatsoper.
1950: Heirat mit dem Linzer Medizinalrat Dr. Horst Granzner (gestorben 1998).
1951 bis 1965: Engagement am Linzer Landestheater.
1963 bis 1980: Gesangspädagogin am Bruckner Konservatorium.
1998: Rückkehr nach Wien.
2004: 28. Oktober in Wien gestorben.

Die Todesnachricht erinnerte an eine Künstlerin, deren Bühnenpräsenz das Opernleben in Linz von 1951 bis 1965 entscheidend prägte. Im Verlauf von 14 Spielzeiten - unter den Direktionen Brantner, Walleck, Fischer-Colbrie, Schroer, Krahl und Wöss/Stögmüller/Holschan - entfaltete Gertrud Burgsthaler in 60 Partien ihre außerordentlichen darstellerischen und gesanglichen Qualitäten. Ihr Repertoire reichte von der tragischen Heroine (Küsterin in JEN?FA) zur sprühenden Komödiantin (Gräfin in DER WILDSCHÜTZ), von den leuchtenden Höhen des dramatischen Mezzos (Lady Macbeth) bis in die Tiefen des Kontraalts (Erda).

START: STAATSOPER


Gertrude Schuster als Ulrica an der Wiener Staatsoper

Die Sängerin trat ihr erstes Engagement 1945 in der "Stunde Null" der Wiener Staatsoper an. Da das Gebäude am Ring eine Ruine war, fanden die Aufführungen in den Ausweichquartieren Volksoper und Theater an der Wien statt. Von der damals unter ihrem Mädchennamen Gertrude Schuster auftretenden Künstlerin sind in der Opern-Chronik 362 Auftritte (1945 bis 1950) verzeichnet. Unter den 28 verkörperten Bühnengestalten befanden sich neben etlichen Klein- und Mittelpartien bereits auch solche Kaliber wie die Kundry (PARSIFAL). Spitzenreiter mit 60 Auftritten war die Hosenrolle des Orlofsky (DIE FLEDERMAUS). Im Frühjahr 1955 folgten noch zwei Gastauftritte als Amneris (AIDA) und 1. Magd (ELEKTRA).

GLÜCKSFALL FÜR LINZ

Zwei konträre Rollenporträts markierten im September 1951 den Einstand in Linz: Marcellina in FIGAROS HOCHZEIT ( "... stellte sich so vorteilhaft vor, wie es die Rolle erlaubt ..."*) und Ulrica in EIN MASKEN-BALL ("... vermittelte ausgezeichnete Eindrücke, die erkennen ließen, dass ihr Fach nun einmal endlich vollgültig besetzt ist ..."*). Nach diesem verheißungsvollen Beginn gehörte Burgsthaler zu den meistbeschäftigten Sängerinnen am Landestheater. Etliche Partien sang sie in zwei, die Azucena sogar in drei Inszenierungen.

"Eigentlich habe ich bis ins hoch-dramatische Fach hinein alle schönen Partien gesungen, vor allem alle Verdi-Partien." Es ist vielleicht einfacher zu fragen, was Sie nicht gesungen haben? "Die Carmen!" ("Linzer Theater Zeitung" Sept. 1965)

Als Amneris glänzte Burgsthaler 1952 ("Diese Künstlerin ist große Klasse ... und hat überdies noch eine blendende Erscheinung ins Treffen zu führen ..."*) und 1959 ("... sie entfesselte einen Beifall, der siewohl ein dutzendmal vor den Vorhang rief."*). Überzeugend meisterte sie 1953 auch die Charakterpartie der Küsterin in JEN?FA ("... eine Aufgabe, und damit ein großer Tag, wie wir sie ihr seit langem gewünscht hatten."*)

Playback anno 1953 Während einer TANNHÄUSER-Vorstellung ereilte die Sopranistin Anny Argy, Sängerin der Elisabeth, eine Indisposition. Für das "Gebet" im 3. Aufzug lieh ihr "Venus" Burgsthaler aus der Kulisse heraus die Stimme, um dann beim Finale wieder in den Part der Venus einzusteigen. Das stumme Spiel von Argy korrespondierte hervorragend mit dem berührend vorgetragenen "Gebet" Burgsthalers.

FÜR DIE MODERNE

Eng mit Burgsthalers Namen verbunden waren die in Linz vorgestellten zeitgenössischen Opern. Starkes Profil verlieh sie der Jokaste bei der Uraufführung von Helmut Eders ÖDIPUS (1960). Im Alleingang meisterte sie 1964 das Monodrama REGEN AM SONNTAG von Bert Rudolf ("Ihre Stimme beherrschte die großen technischen Anforderungen souverän."*). Weiters war die Sängerin an einem Dutzend österreichischer Erstaufführungen maßgeblich beteiligt - darunter DIE ZAUBERGEIGE (Egk), MATHIS DER MALER (Hindemith), LEONORE 40/45 (Liebermann), IVAN IV. (Bizet), PALLAS ATHENE WEINT (Krenek) und GRIECHISCHE PASSION (Martinu).

Opern-Marathon

Im September 1961 bewies die Künstlerin bei den Premieren von LOHENGRIN (unter Kurt Wöss) und Der TROUBADOUR (unter Giuseppe Patanè) in zwei Hauptpartien innerhalb von vier Tagen ihre künstlerische Spannweite und bewundernswerte stimmliche Kondition. Auf die Ortrud ("Dass diese Künstlerin nach Bayreuth gehört, stellen wir hiermit nicht zum ersten Mal fest."*) folgte die Azucena ("Ihre dämonisch-tragische Zeichnung dieser Frauengestalt erinnerte an die Glanzzeit von Elisabeth Höngen."*).

OPERETTEN-ABSTECHER

Mit ihrer komödiantischen Ader wusste Burgsthaler auch in Operetten zu begeistern. Als Halbweltdame Metella in Offenbachs PARISER LEBEN machte sie aus einzelnen Szenen "wahre Kabinettstücke ihrer Kunst". Als Czipra in DER ZIGEUNERBARON konnte sie neben dem gastierenden Tenor Helge Rosvaenge gesanglich gehörig auftrumpfen. In dieser Charakterpartie erhielt sie auch beim Start der Seebühne Mörbisch (1957) große Zustimmung - ein Erfolg, der ihr dort auch 1966 treu blieb: "Hervorragend die Czipra der Gertrud Burgsthaler, die nicht nur prachtvoll singt, sondern auch demonstrierte, wie man auf einer Freilichtbühne die Prosa überzeugend bewältigt"*.

 BERUFUNG LEHRFACH

DON CARLOS bildete 1964 den Abschluss der großen Verdiinterpretationen ("Die Krone gebührt Gertrud Burgsthaler für ihre Prinzessin Eboli."*). Mit Ende der Saison 1964/65 zog sich die Künstlerin - ein Hüftleiden erschwerte ihre Auftritte - viel zu früh von der Bühne zurück. Ein letztes, imponierendes Bühnengastspiel 1967 als Waltraute (GÖTTERDÄMMERUNG) ließ den Verlust dieser Ensemblestütze nochmals bedauern. Unter dem Motto "Im Lehrfach sehe ich die Fortsetzung des Bühnenberufs" wirkte Burgsthaler bereits ab 1963 am Bruckner Konservatorium als von ihren Schülern hochgeschätzte Gesangspädagogin. Ihre Verdienste wurden 1976 durch die Verleihung des Titels "Professor" gewürdigt.

* Zitate aus Zeitungskritiken 1951 bis 1966

Diese rückblickende Betrachtung des viele Jahre mit Linz verbundenen künstlerischen Wirkens von Gertrud Burgsthaler ist als eine fällige Bringschuld anzusehen, da im Jubiläumsband "200 Jahre Landestheater" auf eine Erwähnung - geschweige denn Würdigung - dieser herausragenden Persönlichkeit vergessen wurde.

EDUARD BARTH

Wertvolle biographische Informationen sind der Schwiegertochter Elfie Burgsthaler-Gubitzer zu verdanken. Sie ist Lehrerin an der Opernabteilung des Konservatoriums in Wien. Von 1969 bis 1972 wirkte sie als Sopran im Solisten-Ensemble des Linzer Landestheaters.