Musiktheaterreise nach Berlin, Di, 30.4. bis Fr, 3.5.2019 - Der fliegende Holländer von Richard Wagner und Il barbiere di Siviglia von Gioachino Rossini

Berlin 19 Skopec Basta SPlätze, die betroffen machen, Entwicklungen, die nachdenklich stimmen, Anekdoten, die zum Schmunzeln anregen, Vielfalt, die überrascht, Kulturgenüsse, die begeistern, das und noch viel mehr ist Berlin, eine Stadt wo gestern, heute und morgen unmittelbar aufeinandertreffen.

Was kaum möglich scheint, in wenigen Tagen einen Eindruck von dieser pulsierenden Stadt zu bekommen und zudem noch 2 wunderbare Opernaufführungen zu erleben, das gelang bei der von Prof. Architektonidis exzellent organisierten Musiktheaterreise.

Der Start am Morgen des 30.4. war eher ernüchternd, öffnete doch der Himmel seine Schleusen genau zur Abfahrt. Die Hoffnung, es könne nur besser werden, erfüllte sich bereits kurz nach der tschechischen Grenze und auf der restlichen Fahrt über Prag und Dresden leuchtete die Landschaft in sattem Grün, unterbrochen von strahlend gelben Rapsfeldern. Unterwegs wurden die Tellnehmer in die auf dem Programm stehenden Opern eingeführt und wer könnte „Der Fliegende Holländer“ von Richard Wagner kompetenter vorstellen als Dr.Dr. Irene Jodl. Ing. Martin Schmidt wiederum konzentrierte sich in seinen Ausführungen zu „Il barbiere di Siviglia“ von Giachino Rossini auf den aktuellen Trend zu Rekonstruktionen, basiert doch die Berliner Aufführung auf einer Inszenierung von Ruth Berghaus aus 1968 im Bühnenbild des jungen Achim Freyer. Die mediale Diskussion über Anbetung von Theaterasche versus Theaterasche, die noch glüht, führte auch im Bus zu regen Diskussionen. Die lange Fahrt verging rascher als erwartet und bei der Einfahrt in Berlin wurden wir bereits mit 2 Beispielen des Berlins von gestern konfrontiert, dem riesigen Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof und Checkpoint Charly, ganz in der Nähe unseres optimal gelegenen Hotels „John F.“. Das fakultative gemeinsame Abendessen führte uns zu einem gemütlichen Lokal am Gendarmenmarkt, der seinem Ruf als schönster Platz Berlins in der Abendstimmung voll gerecht wurde.

Am Morgen des 1.Mai spazierten wir zuerst wenige Schritte zu der im ehemaligen Kulissendepot der Staatsoper untergebrachten „Barenboim-Said Akademie“, wo die Zweckarchitektur harmonisch zu einer Stätte für Ausbildung und Aufführung umgestaltet wurde. Wer nicht unter Höhenangst litt, konnte den Blick vom 2.Stock durch die schalldichte, bis zum Boden reichende Verglasung in den vom Stararchitekten Frank Gehry entworfenen 684 Besucher fassenden Pierre Boulez Saal genießen. In der unmittelbaren Umgebung unseres Hotel am Werderschen Markt entsteht ein Luxusdistrikt (Wohnungspreise 16 – 17.000 EUR/m²), dies eine Entwicklung mit bedenklichen Folgen. Die Friedrichwerdersche Kirche, erste neugotische Kirche Berlins, Werk von K.F. Schinkel, wurde durch die Bauarbeiten massiv geschädigt und ist einsturzgefährdet. Auf einer umfassenden Stadtrundfahrt durch den ehemaligen Ost- und Westteil passierten wir alle wichtigen Sehenswürdigkeiten, erfuhren viel Interessantes und auch so manch Schrulliges, wie die Vorliebe der Berliner für Spitznamen. Die von Albert Speer entworfenen Straßenlaternen werden als „Letzte Armleuchter des 3.Reichs“ tituliert, die 1963 eröffnete Philharmonie respektlos „Zirkus Karajans“ genannt, die „Schwangere Auster“ ist die Kongresshalle und hinter „Telespargel“ verbirgt sich der 368 m hohe Fernsehturm, das höchste Bauwerk Europas. 96 Ortsteile sind zur heutigen Stadt Berlin zusammen gewachsen, Eigenheiten wurden bewahrt, durch die unterschiedlichen Strukturen bleiben allerdings soziale Spannungen nicht aus. Nur am Rande wurden wir Zeuge der berüchtigten 1. Mai Demos, die durch ein Großaufgebot von Polizei und Straßensperren in Zaum gehalten wurden. Immer wieder querten wir auf der Rundfahrt den „Todesstreifen“, sahen in den Boden eingelassene Pflastersteine, die den Verlauf der Mauer markieren und hielten auch am längsten noch verbliebenen, künstlerisch gestalteten Mauerrest am Spreeufer. Der Betroffenheit konnte sich keiner entziehen, können wir uns doch noch alle an Berichte über gescheiterte Fluchtversuche erinnern und haben 1989 den Mauerfall als Ende einer unmenschlichen Ära erlebt.

Am Abend stand der erste musikalische Höhepunkt auf dem Programm, Richard Wagners „Der fliegende Holländer“ in der 1961 eröffneten Deutschen Oper, mit 1865 Plätzen größtes Opernhaus Berlins, ein Zweckbau, der eher an ein Kongresszentrum als ein Musiktheater erinnert. Eine düstere Inszenierung mit Regen und Nebel, kargen Requisiten, aber mit großartigen sängerischen Leistungen bei Solisten und Chor. So mancher fühlte sich bei Catherine Foster, eine der momentan besten Brünnhilde-Interpretinnen, als Senta an die Linzer Elektra von Miina-Liisa Värelä erinnert. In weiteren Rollen brillierten Falk Struckmann als Daland, Clemens Bieber als Erik (der in dieser Inszenierung ins Zentrum gerückt wurde), Maiju Vaahtoluoto als Mary, Gideon Poppe als Steuermann und Iain Paterson als Holländer. Der stimmgewaltige Chor überraschte mit einer eigens für ihn geschaffenen Choreografie. Zu Recht gab es am Ende stürmischen Applaus von den Besuchern im ausverkauften Haus.

Der Reichstag war Schwerpunkt der Besichtigungen am nächsten Tag. Nach einer wettertechnisch frostigen, aber inhaltlich interessanten und kurzweiligen Einführung beim Brandenburger Tor, durften wir nach peniblen Kontrollen im Plenarsaal des Reichstags Platz nehmen. Ein mit trockenem Humor gespickter Vortrag brachte uns Haus, Arbeitsweise und politisches Reglement näher. Dann mischten wir uns unter die Besuchermassen (5000 pro Tag!), warfen bei eisigem Wind von der Terrasse einen Rundumblick auf Berlin, fädelten uns in die spiralförmigen Wege der Kuppel ein und staunten über die Effekte der Spiegel (übrigens korrekt „Lichtumleitungselemente“ genannt).

Am Abend wartete in der auf der historischen Mitte des Boulevards stehenden Staatsoper Unter den Linden, mit „Il barbiere di Siviglia“ von Giachino Rossini ein Kontrastprogramm zum Vortag. Eine helle Ausstattung mit perspektivisch bemalten Vorhängen, die Figuren sind opulent, ganz in der Tradition der Commedia dell‘arte ausstaffiert und agieren mit einer Spielfreude, die den Abend zu einem unbeschwerten Vergnügen werden ließ. Erstaunlich wie hier für jede Rolle sowohl optisch als auch stimmlich die optimale Besetzung gefunden wurde: Maxim Mironov als Graf Almaviva, Bruno de Simone als Doktor Bartolo, Marianne Crebassa als Rosina und Gyula Orendt als Figaro.

Im Anschluss an die Aufführung erwartete uns mit einer exklusiven Nachtführung ein besonderes Zuckerl. Janwillem van der Sande, ein profunder Kenner des Hauses, führte uns, ging auf unsere Interessen ein und stand kompetent Rede und Antwort. Im prächtigen Apollosaal, der auch für Vorträge und Konzerte genutzt wird, erfuhren wir Details zur 2017 abgeschlossenen Generalsanierung. Vom 1.350 Besucher fassenden Zuschauerraum konnten wir während der Abbauarbeiten einen Blick auf die gesamte Tiefe der imposanten Bühne werfen, ein Eindruck, der sich hinter der Bühne noch verstärkte. Bemerkenswert ist die Hebung der Decke im Zuschauerraum um ca. 5 m, diese Nachhallgalerie wurde mit einem Keramiknetz verkleidet und so beachtliche Verbesserungen in der Akustik erzielt. Bei der ersten Probe der Staatskapelle sollen vor Freude darüber Tränen geflossen sein. Sind zwar einige Dimensionen größer als in unserem Musiktheater so fühlten wir uns bei den Garderoben, auf den Gängen und in den Stiegenhäusern in das alte Haus an der Linzer Promenade versetzt. Das große Probenzentrum hingegen bietet optimale Möglichkeiten zur Stückentwicklung. Zu später Stunde verließen wir beschwingt dieses wunderschöne Haus und ließen den erfreulichen Abend noch in der Hotelbar ausklingen.

Bei der langen, aber dank des umsichtigen Fahrers Wolfgang sicheren Heimfahrt, konnten wir kaum glauben, dass die Reise schon wieder dem Ende zuging, bei der Fülle an Erlebnissen war die Zeit wie im Fluge vergangen. Wenn auch niemand einen Koffer in Berlin ließ, finden sich dank dieser großartigen Reise viele andere Gründe, der Stadt nochmals einen Besuch abzustatten.

Ulrike Skopec-Basta
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