Opernausflug Baden, Do, 22. November 2018: Fidelio – Spiegelbild unserer Zeit

Baden 22.11. S Die Bühne Baden hatte diesen Herbst die Oper Fidelio in der „Beethoven-Stadt“ am Spielplan. Ein Bus voll Freunden des Linzer Musiktheaters hatte schon im Herbst 2017 eine Opernaufführung im Badener Stadttheater erlebt, und zwar Carl Maria von Webers Oper Freischütz. Die stimmungsvolle Inszenierung von Intendant Michael Lakner bewog auch in diesem Herbst Musiktheaterfreunde, die angebotene Busreise zu Fidelio zu buchen, wobei viele Interessierte auf der Warteliste leider nicht zum Zug kamen.

Die „Freunde“ wurden nicht enttäuscht; der aufrüttelnde Inhalt der Oper führte beim Nachgespräch im Max-Reinhardt-Foyer mit Regisseur Michael Lakner und den Darstellern Sébastian Soulès (Don Pizarro), Ricardo Frenzel Baudisch (Jaquino) und Magdalena Renwart (Fidelio/ Leonore) in einem Frage/Antwortspiel nicht nur zur Thematisierung musikalischer Aspekte der Aufführung; das Gespräch legte auch immer wieder Lakners Beweggründe offen, sein Motto für diese Saison „Freiheit und Gefangenschaft“ mit einer in der Moderne angesiedelten Handlung „eingeläutet“ zu haben.

Der Ausflug nach Baden lief nach dem bewährten Muster des Vorjahres ab; ein Gasthaus- und ein Museumsbesuch gingen dem krönenden Abschluss, dem Opernbesuch, voraus. Diesmal war das Gasthaus Martinek alle zufriedenstellender kulinarischer Stützpunkt. Das Rollettmuseum Baden erreichte ein Großteil der „Freunde“ zu Fuß; diejenigen, die den Mantel im Bus gelassen hatten und sich dem Nieselregen nicht aussetzen wollten, brachte der Bus ans Ziel.

Das Rollettmuseum, das mit dem Roulettespiel nichts zu tun hat, war wohl für die „Freunde“ das kurioseste Museum, das sie jemals besichtigt hatten. Es gibt nichts an Kultur-, Kunst- und Naturobjekten, das der Arzt Anton Franz Rollett (1778 – 1842) nicht gesammelt hätte. „Städtische Sammlungen“ verspricht der Prospekt. Ja, ein Modell der Stadt mit Stadtmauer, Funde aus prähistorischer und aus der Römerzeit, sakrale Archivalien, das ein oder andere Ölgemälde und alte hölzerne Namensschilder von Weinbauern, die in früheren Zeiten „ausg’steckt“ hatten, befinden sich auch in den Sammlungen. Aber was hat eine Mumie in einem ägyptischen Sarkophag, was haben Reiseandenken von der Weltreise des Freiherrn von Doblhoff und was Herbarien mit vertrockneten Pflanzen, und was hat eine Totenschädel- und Gipsbüstensammlung mit Baden zu tun? Zwei versierte Damen des Museums erklärten den staunenden „Freunden“ die „Gall’sche Schädelsammlung“ mit der dubiosen Theorie verblichener Wissenschaftler, die Beschaffenheit der Schädel ließe auf die Funktionstüchtigkeit der Gehirne schließen.

Als im Stadttheater der Vorhang aufging, sahen sich die Theaterbesucher einer Papierwand mit zum Teil geschwärzten Schriftzügen gegenüber. Die Deklaration der Menschenrechte vom Jahr 1948 war streckenweise der Zensur zum Opfer gefallen. Die sparsame Bühneneinrichtung ohne historische Bezugnahme war auf transparente Funktionalität hin ausgerichtet: zu ebener Erd das Gefängnis, im ersten Stock des Kerkermeisters Büro. In wohltuendem Gegensatz dazu stand das Engagement der gesamten Theatertruppe, das sie zu gesanglichen und instrumental-musikalischen Höhenflügen befähigte. Das Geschehen nahm seinen vorgezeichneten Verlauf, bis hin zum überschäumenden Freudenfest mit Tanzeinlagen zur wiedererlangten Freiheit, wobei Papierfetzen aus der zum Teil geschwärzten Papierwand herausgerissen wurden. Kleine Lichtblicke in eine bessere Zukunft eröffneten sich …

… an die man aber beim Nachgespräch gar nicht so recht glauben wollte. Mit düsteren Prognosen zu gesellschaftspolitischem Wandel, was zum Vormarsch von autokratischen Systemen führe, befasst sich Michael Lakner in seinem Beitrag im Programmheft, mit dem Titel: „Fidelio, ein Plädoyer für das Recht auf freie Meinungsäußerung – Zu Werk und Inszenierung“. Seine Befürchtungen tat er auch vor den „Freunden“ kund und rechtfertigte damit die Aufnahme des zeitlosen Stückes Fidelio in den operettenlastigen Spielplan der Bühne Baden. Sein künstlerisches Fanal erachteten die „Freunde“ als geglückt.

Heide Stockinger
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