IM GRÜNEN GARTEN zu Linz nach dem GRÜNEN HÜGEL in Bayreuth

PublicViewingTristan25 Jahre nach der Premiere in Bayreuth erleben wir ab September hier in Linz (an der Donau) Heiner Müllers Tristan-Inszenierung (*1993)

Im Musiktheater und am 15.9. im Rahmen eines Public Viewing –Events: Eine gratis Freiluft-Aufführung, wie bei der Klangwolke ganz im Sinne des antiken Theaters frei zugänglich für alle Bürger. So war es auch bei der Uridee der Festspiele gedacht und in Wagners vertraulicher Mitteilung an seine Freunde vom September 1850. Er wolle die Tetralogie „Der Ring des Nibelungen" nicht irgendeinem Theater zur UA überlassen: „Im Freien auf einer Wiese werde er ein einfaches Theater aus Brettern und Balken errichten lassen, die Sänger einladen, den Chor und das Orchester zusammenstellen, in den Zeitungen Einladungen ausschreiben. Der Eintritt sei natürlich gratis. Drei Aufführungen sollten stattfinden, und anschließend werde das Theater abgerissen.“

1876 sollten eintausend Patrone durch den Kauf von Patronatsscheinen zu je 300 Talern die notwendige Summe aufbringen und dafür freien Eintritt zu den Aufführungen erhalten …
Also ganz so gratis wars dann wohl wieder nicht, aber immerhin! Und das Festspielhaus wurde auch nach drei Aufführungen nicht wieder weggerissen … So gesehen sollte auch in Linz der >Public Tristan< friktionsfrei über die Bühne gehen. Allerdings im speziellen Fall:

Kann ein Nachtstück wie Tristan und Isolde auch bereits am „Öden Tag“ (ab 17.00) „Dem Land, das Tristan meint, der Sonne Licht nicht scheint“ im Garten des Volks funktionieren?
Isolde noch
im Reich der Sonne!
Im Tagesschimmer
noch Isolde!

Spätestens wenn der 2. Aufzug anhebt, soll und wird sich das Dunkel der „Liebesnacht“ über dem Public Viewing - Gelände des Parks vor dem Musiktheater ausbreiten …
Garten mit hohen Bäumen vor dem Gemach Isoldes, zu welchem, seitwärts gelegen, Stufen hinaufführen. Helle, anmutige Sommernacht. An der geöffneten Türe ist eine brennende Fackel aufgesteckt. - Jagdgetön. Brangäne, auf den Stufen am Gemach, späht dem immer entfernter vernehmbaren Jagdtrosse nach. Zu ihr tritt aus dem Gemach, feurig bewegt, Isolde.
O sink hernieder,
Nacht der Liebe,
gib Vergessen,
dass ich lebe,
nimm mich auf
in deinen Schoß,
löse von
der Welt mich los!

Vermissen wird man bei der Wagnerschen „Theater-Klangwolke“ den Schutz der Nacht im 1. Akt bei der Trank-Szene, am Schluss und vor allem am Beginn beim Vorspiel zum Drama:
Der Musiker, der dieses Thema sich für die Einleitung seines Liebesdramas wählte, konnte, da er sich hier ganz im eigensten, unbeschränktesten Elemente der Musik fühlte, nur dafür besorgt sein, wie er sich beschränkte, da Erschöpfung des Themas unmöglich ist. So ließ er denn nur einmal, aber im lang gegliederten Zuge, das unersättliche Verlangen anschwellen, von dem schüchternsten Bekenntnis, der zartesten Hingezogenheit an, durch banges Seufzen, Hoffen und Zagen, Klagen und Wünschen, Wonnen und Qualen, bis zum mächtigsten Andrang, zur gewaltsamsten Mühe, den Durchbruch zu finden, der dem grenzenlos begehrlichen Herzen den Weg in das Meer unendlicher Liebeswonne eröffne. Umsonst! Ohnmächtig sinkt das Herz zurück, um in Sehnsucht zu verschmachten, in Sehnsucht ohne Erreichen, da jedes Erreichen nur wieder neues Sehnen ist, bis im letzten Ermatten dem brechenden Blicke die Ahnung des Erreichens höchster Wonne aufdämmert: es ist die Wonne des Sterbens, des Nichtmehrseins, der letzten Erlösung in jenes wundervolle Reich, von dem wir am fernsten abirren, wenn wir mit stürmischster Gewalt darin einzudringen uns mühen. Nennen wir es Tod? Oder ist es die nächtige Wunderwelt, aus der, wie die Sage uns meldet, ein Efeu und eine Rebe in inniger Umschlingung einst auf Tristans und Isoldes Grabe emporwuchsen?. « Richard Wagner an Mathilde Wesendonck Brief vom 19. Dezember 1859

Wagner lernte die Muse Mathilde Wesendonck 1852 in Zürich kennen, wo sie als Frau des wohlhabenden Seidenhändlers Otto Wesendonck lebte. Die damals 23-Jährige und Wagner waren voneinander fasziniert, doch zu einem Höhepunkt kam ihr Verhältnis erst in den Jahren 1857/58. Sie trafen sich, schrieben keineswegs nur „platonische“ Briefe und widmeten viele Gespräche der Gedankenwelt Schopenhauers. Die offensichtlichste Auswirkung von Wagners Beziehung zu Mathilde sind die Wesendonck-Lieder. Wagner komponierte sie nach Texten von Mathilde für Klavierbegleitung und instrumentierte das Lied „Träume“ für kleines Orchester. - Vorstudien zu Tristan: Deutlich zu hören, wenn aus dem Lied „Träume“ das Liebesduett des 2. Aktes hervorquillt und Tristans Erzählung vom „weiten Reich der Weltennacht“ aus dem Treibhaus-Lied hervorschimmert:
Ich war,
wo ich von je gewesen,
wohin auf je ich geh'
im weiten Reich
der Weltennacht.
Nur ein Wissen
dort uns eigen:
göttlich ew'ges
Ur-Vergessen!

Im Juli 1857 schrieb Wagner aus Zürich an Julie Ritter, eine mütterliche Freundin, die den Künstler jahrelang mit der Zahlung einer Rente unterstützte: "Lassen Sie sich die Andeutung genügen, daß ich im Begriff stehe, mit großer Überwindung den ,Siegfried' auf ein Jahr im Walde allein zu lassen, um mir mit einem ,Tristan und Isolde' Luft zu machen." Mitte September schließlich war die Dichtung vollendet, dann machte er sich an die Komposition. "Ich hoffe, den Theatern mit diesem Werke eine leicht zu überwindende Aufgabe zu überweisen." Da aber hatte sich Wagner wohl geirrt. Zwei Jahre später schrieb er an Mathilde Wesendonk: "Kind! Dieser ,Tristan' wird was Furchtbares! Dieser letzte Akt!!! Ich fürchte, die Oper wird verboten - falls durch schlechte Aufführung nicht das Ganze parodiert wird: nur mittelmäßige Aufführungen können mich retten! Vollständig gute müssen die Leute verrückt machen, ich kann's mir nicht anders denken.
Nirgends, ach nirgends
find ich Ruh':
mich wirft die Nacht
dem Tage zu,
um ewig an meinen Leiden
der Sonne Auge zu weiden.

Am 6. August 1859 lag die Partitur des "Tristan" vollständig vor. Alle Versuche aber, das Werk in Szene zu setzen, scheiterten. Mehrere Städte waren für Uraufführung angedacht: Karlsruhe, Paris, Wien, Dresden, Weimar … sogar eine Aufführung in Rio de Janeiro in italienischer Sprache wird in Aussicht genommen. Der Kaiser von Brasilien, Dom Pedro, sollte der Widmungsträger sein. In Wien schließlich begannen nach langen, schwierigen Verhandlungen die Proben. Nach vielem Hin und Her aber und nach Intrigen des Kritikers Hanslick, der die Künstler gegen Wagner einnehmen konnte, wurde die geplante Aufführung nach 77 Proben endgültig abgesagt. Erst am 10. Juni 1865 fand die Uraufführung dank Ludwig II. schlussendlich in München unter der Stabführung von Hans von Bülow stattfinden … eines Werkes, das wie kein anderes Epoche gemacht hat. Mit dem berüchtigten „Tristan“- Akkord begann da die musikalische Moderne …

Tod im Liebesduett. Den „Tristan“-Mythos nährt noch das traurige Faktum, dass der erste Tristan der Operngeschichte, Ludwig Schnorr von Carolsfeld wenige Wochen nach der Uraufführung starb. Er war erst 29 Jahre alt. Damit nicht genug der mysteriösen Schicksalsschläge: Felix Mottl, einer der bedeutendsten Dirigenten des Fin de Siècle, bricht 1911 während des zweiten „Tristan“-Akts im Haus der Uraufführung, dem Münchner Nationaltheater, zusammen und stirbt wenig später. 1968 ereilt den Dirigenten Joseph Keilberth im selben Haus dasselbe Schicksal – nahezu an derselben Stelle wie zuvor Mottl: „So starben wir, um ungetrennt, ewig einig, ohne End‘“, singen Tristan und Isolde.

An der MET NY teilte man einst nach Erkrankung des Heldentenors in der Not die Partie des Tristans auf 3 Sänger auf: Akt 1 meisterte ein lyrischer, Akt 2 ein italienischer Tenor und das mörderische Finale wurde einem „Jugendlichen Helden“ überantwortet …

In Linz sind Ensemble und Gäste die Garanten
Sprich: Heiko Börner und Annemarie Kremer in den Titelrollen, Nekel (Marke), Achrainer (Kurwenal), Lerner (Brangäne), Schmidlechner (Melot) …

„Musik als Weiterdenken des Textes“ übertitelt Intendant Schneider seine Gedanken zu „Tristan und Isolde“ in der heurigen Sommerausgabe der Mitteilungen der „Freunde des Musiktheaters“ – „Im Schweigen, besser in der Musik liegt die Wahrheit“- und dann lässt   er abschließend den Philosophen Wittgenstein zu Wort kommen: „ … wovon man nicht sprechen kann, davon muss man schweigen“- Der prominente Fadinger-Schüler Wittgenstein stellt mit diesem Satz die philosophische Rede schlechthin in Frage (Tractatus logico-philosophicus). Präziser drückt Wagner die „Sprachlosigkeit“ im Tristan mit seinem Parsifal-Zitat aus: „Das sagt sich nicht“ (- Frage nach dem Gral – aber auch hier anwendbar …)

Bei der quasi „halbkonzertant“ eher statischen Heiner Müller-Inszenierung, in Linz originär umgesetzt von dessen damaligem Assistenten und jetzigen Schauspielchef Stephan Suschke, im Bühnenbild von Erich Wonder und ins Licht gesetzt von Altmeister Manfred Voss, wird die geniale Musik in der Interpretation von Markus Poschner mit dem Brucknerorchester Linz zum wesentlichen Träger und Gestalter des Gesamtkunstwerks.Die „Handlung in ihren drei Aufzügen“ ist > Durch-komponiert < und lässt den Rezipienten nie los – von der 1. Note des Vorspiels bis zur letzten des Liebestods ! 
In dem wogenden Schwall,
in dem tönenden Schall,
in des Welt-Atems
wehendem All –
ertrinken,
versinken –
unbewußt –
höchste Lust!

Wagners Musikdrama „Tristan und Isolde“ wäre ohne Novalis’ Hymnen an die Nacht undenkbar. Vor allem die Umdeutung der Nacht von Chaos und Bedrohung hin zu einem transzendentalen Raum utopischer Liebeserfahrung spielt eine wesentliche Rolle.

Töne, zum Bild geronnen!
In der Wiener Hofoper wird am 21. Februar 1903 Bühnengeschichte geschrieben – mit einer überwältigenden Neuinszenierung von Wagners „Tristan und Isolde“. Allein die Besetzung mit Anna von Mildenburg und Erik Schmedes verspricht ein Ereignis der besonderen Art! Doch was den Zuschauer optisch erwartet, übertrifft alles bisher Dagewesene: Raum, Farbe und Licht sind eins mit Musik, Wort und Gestik – ganz im Sinne von Wagners Idee des Gesamtkunstwerks. „Roller hat gefühlt, dass die Dekoration als Ausdruck der seelischen Stimmung sich erst zeigen darf, wenn durch den szenischen Verlauf das Gefühl des Zuschauers so weit ist, dass es jetzt drängt, sich im Bilde zu sehen.“ – Der Linzer Schriftsteller Hermann Bahr (Gatte der Mildenburg) bringt es auf den Punkt.

Der Bayreuther Meister hat mit seinem Gesamtkunstwerk u. a. die Kunstrichtung Film vorausgeahnt – Es sollte aber nicht „Wagner goes Hollywood“ sondern „Hollywood goes Wagner“ lauten. Der orchestrale Wagner-Sound der Filmmusik in L.A. bestimmt nach wie vor trotz digitaler Evolution ihre „Mach-ART“ bis heute! Kino und Video haben sich ihrerseits mit vielen Visualisierungen und Zitaten bedankt – allein, wenn man sich nur diesbezüglich den Tristan „ansieht“:

A visualization of an experience within music by Ron Hays 1975
„Liebestod“ from Tristan und Isoldeaus dem Musikfilm „Aria“ Franc Roddam 1987
„Melancholia“- ein „Endzeitfilm“ des Regisseurs Lars von Trier aus dem Jahr 2011 usw.
Isoldens Oden an die Nacht (Projekt am MRG Linz)

Nach einem ersten Versuch unter dem Titel „Mathilde“ in den 80ern wagte man sich am MRG in der Linzer Fadingerstraße 10 Jahre später wieder an die Umsetzung der Musik in Bilder heran und hatte nachhaltigen Erfolg: Mit der Visualisierung der Wesendonck-Lieder unter dem Titel „Isoldens Oden an die Nacht“ gelang es 1999 Österreichische Film-Staatsmeisterwürden in Innsbruck für das Medien-Gym zu erlangen.

Visualisierung muss nicht unbedingt in bewegten Bildern stattfinden, wenngleich Musik selbstverständlich unverzichtbar wie der Film eine zeitliche Komponente aufweist. Beispiele, dass es auch anders geht belegen der surreale Wagnerianer Salvador Dali & und der Bayreuther Leibfotograph Siegfried Lauterwasser, dem heuer im Zuge des Herbstlichen Tristans eine Ausstellung gewidmet werden soll – ausgerichtet vom „Linzer“ Wagnerspross Verena Lafferentz …

Manfred Pilsz
LEO LOGES LOGBUCH: https://leologeslogbuch.blog/2018/08/28/public-tristan-isoldens-oden/
Radio Beitrag: ARS-Sendung inkl. Musiktheaterfreunde-Beitrag: https://cba.fro.at/381668

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